Eine Insel, da ist eine Insel!

Eine Temporäre Installation von Arne Lösekann www.arneloesekann.de

Text und Rrecherche von Anne Simone Krüger http://annesimonekrueger.de

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Ein weißes Baumhaus übernimmt die Lufthoheit. Von dort oben aus könnte man erahnen, wie es hier einst ausgesehen haben mag, bevor die Ost-West-Straße, heute umbenannt in Willy-Brandt-Straße, einen Schnitt quer durch das Stadtgebiet zog, der sich bis jetzt in der Alltagsroutine eines Großteils der Hamburger bemerkbar macht. Dabei befindet sich genau an dieser Stelle ein Stück des Kerns der Hamburger Geschichte! Durch sieben Jahrhunderte hindurch lässt sich die Historie der Straße mit dem ungewöhnlichen Namen „Grimm“ verfolgen. Was genau der Straßenname bedeutet ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Etliche Heimatforscher haben Thesen entwickelt, u.a. soll Grimm „Grünt“ bedeuten und damit den Schlamm meinen, der hier zugeschwemmt wird – wenn wir uns an den nicht ganz so hübschen Blick von der Zollenbrücke erinnern, mag man dieser Annahme Glauben schenken. Grimm könnte aber auch von „in der Krümm“ abgeleitet sein, da der (oder die oder das?) Grimm, eine Straße ist, die in der Alsterkrümmung liegt. Zu guter Letzt könnte Grimm wirklich vom – erschreckend naheliegenden - Wort grimmig herkommen, und „unwirtlich, wild und unsicher“ meinen, da die Insel Grimm bis 1200 außerhalb der sicheren Umwallung der Stadt lag. (1)


Die westliche Grimmseite im Jahr 1932 von der Zollenbrücke aus gesehen. Foto aus: Henny Wiepking: Chronik des Grimm, hrsg. von der Firma Otto Krahn, Hamburg 1961, S.10.

Grimminsel? Richtig, eine Insel. Denn Grimm war ursprünglich nicht nur einfach eine Straße. Die ganze Alstermarsch auf der Insel östlich des ersten Hamburger Hafens und südlich der bewohnten Stadt hieß Grimm! Heute vermittelt der Grimm eher durch die Willy-Brandt-Straße (ehemals Ost-West-Straße) das Gefühl eine Insel zu sein. Die sechsspurige Straße von mehreren Kilometern Länge wurde nach dem 2. Weltkrieg als Schneise quer durch die Stadt geschlagen.


Das Denkmal Adolfs III. von Schauenburg auf der Trostbrücke, dahinter die Rückseite der Grimmhäuser. Im Hintergrund sieht man den Turm von St. Katharinen. Foto aus: Henny Wiepking: Chronik des Grimm. hrsg. von der Firma Otto Krahn, Hamburg 1961, S.13.

Gruselig ist die Straße dann, wenn man ihre Geschichte etwas genauer unter die Lupe nimmt. Denn bereits 1937 gab es allem Anschein nach Pläne Häuser abzureißen, Fleete zuzuschütten und eine neue Verkehrsschneise zu bauen, die die gesamte Innenstadt von Ost nach West durchschneiden sollte. Hamburg sollte neben Berlin, München und Linz zu einer „Führerstadt“ ausgebaut werden. Als monumentalen Höhepunkt sah man ein 200 Meter hohes Gebäude für die Gauleitung der NSDAP vor, das am heutigen Platz der Republik in Altona stehen sollte. Die Straße war also keinesfalls nur als notwendiger Verkehrsweg, sondern ursprünglich auch als Bestandteil einer monumentalen Straßenachse im NS-Stil gedacht, die bis nach Altona führen sollte. So wurde bereits 1940 ein Wettbewerb zur Gestaltung des ersten Teilstücks zwischen Meßberg und Nikolaistraße ausgeschrieben. Wie praktisch, dass die Luftangriffe dann die geplante Trasse größtenteils freigebombt hatten und man sich den Abriss sparte. Bald nach Kriegsende wurde das Bauprojekt Ost-West-Straße wiederaufgenommen – wenn auch mit einem etwas abgeänderten Verlauf der Straße. (2) Da hilft auch die Umbenennung in Willy-Brandt- und Ludwig-Erhard-Straße nur bedingt über ihre unlautere Vergangenheit hinweg. Und so rauscht sie heute fröhlich vor sich hin und verunsichert so manchen Ortsfremden wie auch Einheimischen, ob es denn jenseits des Verkehrsstroms noch Stadt gibt und ob sich ein Übersetzen wohl lohnen könnte...


(1) Henny Wiepking: Chronik des Grimm, hrsg. von der Firma Otto Krahn, Hamburg 1961. S.7.
(2) Vgl. St. Katharinen. Die Hauptkirche und ihr Viertel – eine Wiederentdeckung, hrsg von der Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg 2013, S.51-53.

beteiligte: 

künstler: arne lösekann http://www.arneloesekann.de

text und recherche:  anne simone krüger http://annesimonekrueger.de

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