Nippelalarm, listige Kaufleute und ein Graf der lieber keiner sein wollte

Eine Temporäre Installation von Arne Lösekann www.arneloesekann.de

Text und Rrecherche von Anne Simone Krüger http://annesimonekrueger.de

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Dass die Hamburger Kaufleute des 19. Jahrhunderts sich noch nicht mit der Zensur entblößter weiblicher Brüste herumschlagen mussten, zeigt sich am Kontorhaus Johannishof. Vom Rathausmarkt kommend befindet es sich linker Hand mit der Hausnummer 9. 1895-96 erbaut gehört es unter den erhaltenen Kontorhausbauten in Hamburg zu den frühen Beispielen. (1) Sehr streng kommt es auf den ersten Blick daher, die Front wird durch die Skelettstruktur der Pfeiler gegliedert, die davorgesetzte Sandsteinverkleidung greift dieses Raster auf. Einen verschnörkelten Kontrast bilden die beiden weiblichen Figuren über dem Eingangsportal. Sie scheinen es da oben gemütlich zu haben, lässig stützen sie sich auf dem Bogen des Portals ab. Die einander zugewandten Gesichter erwecken fast den Eindruck, als würden die beiden über den Passantenstrom tuscheln. Dabei haben sie doch eigentlich viel Wichtigeres zu tun, immerhin sind die beiden Damen Allegorien! Doch tagein tagaus den Handel (links) und die Schifffahrt (rechts) repräsentieren zu müssen kann über die Jahrhunderte hinweg verständlicherweise ermüdend werden – zumal angesichts der aktuellen politisch-ökonomischen Lage... hoffen wir, dass der Brexit und diverse transatlantische Sanktionen den beiden nicht die Laune verhageln... vor allem da die Social Media Karriere der beiden aufgrund der entblößten Nippel der Frau rechts wohl kaum jemals in Fahrt kommen wird... Bauherr des Johannishof war übrigens die Firma Guhl und Harbeck, eine Hamburger Nähmaschinenfabrik, die auch Schreibmaschinen produzierte (2) (Sie erinnern sich, das waren diese Dinger auf denen es keine Enter-Taste gab und man „Sicherungskopien“ als Durchschläge anfertigte, die man dann im Tresor aufbewahrte...).


Foto: Karte Hamburg um 1070


Modell von Hamburg um 1070: Hier erkennt man die Zweiteilung zwischen der gräflichen Neustadt, zu diesem Zeitpunkt regiert von Herzog Ordulf und der erzbischöflichen Altstadt mit der im Bau befindlichen Domkirche. Aus: St. Katharinen. Die Hauptkirche und ihr Viertel – eine Wiederentdeckung, hrsg. von der Kirchengemeinde St. Katharinen, Hamburg 2013.

Mit mittelalterlichen Verstrickungen und listigen Kaufleuten bekommen wir es an der Kreuzung Kleine Johannisstraße und Schauenburgerstraße zu tun. Stellen wir uns vor wir befänden uns im Jahr 1187 nach Christus. Adolph III., Graf von Schauenburg, sichert den Siedlern der Neustadt weitreichende Privilegien und Rechte zu, die die Bewohner der bischöflichen Altstadt nicht hatten. Unter anderem Zollfreiheit und natürlich, wie könnte es anders sein, zwei Jahrmärkte. (Es hat seine Gründe, dass die Hamburger ihren Dom derartig feiern, und das heute sogar dreimal im Jahr!) Der Graf verlor jedoch, wie das mit den politischen Ämtern so ist, um 1212 seine Herrschaftsrecht an den König von Dänemark, der einen ihm loyalen Mann als Herrn über Hamburg einsetzte. Hamburg wurde dänisch und die Bürger mussten sich helfen – einmal erstandene Privilegien gibt man ungern wieder ab, zumal das Recht auf Jahrmarkt! Und der alte Graf hatte ihnen nichts Schriftliches hinterlassen – ein böser bürokratischer Fehler! Also nutzten die Neustadt-Bewohner aus, dass ihr neuer Herr wohl relativ unbedarft in Sachen hanseatischer Gewitztheit war und jubelten ihm eine gefälschte Urkunde der Freiheitsrechte unter. Als Adolph Junior, nämlich Adolph IV. seinen Vater 1225 beerbte, zog er gegen den dänischen König ins Feld. Kurz vor der finalen Schlacht 1227 erschien ihm im Traum Maria Magdalena. Adolph handelte mit ihr einen Deal aus: hilfst du mir werde ich Mönch. Welche Seite da jetzt den größeren Vorteil herausgeschlagen hat sei dahingestellt, auch was die Gattin von Adolph davon hielt. Sie übernahm jedenfalls bis zur Mündigkeit der gemeinsamen Söhne die Regierungsgeschäfte und trat dann selbst 1245/46 ins Kloster ein. (3)

Vom Mittelalter springen wir direkt in die Zeit des Jugendstils, indem wir einen kleinen Schwenk in die Schauenburgerstraße machen und die Hausnummer 34 in Augenschein nehmen. Schwungvoll elegante Flechtbänder ziehen sich über die Steinfassade, wieder einmal fühlt man sich vage erinnert an... ja richtig: Das Haus in der Rathausstraße, in dessen Erdgeschoss zur Front hin es sich im legendären Café Paris in französischen Spezialitäten schwelgen lässt. Wie Gott in Frankreich mag sich der ästhetisch versierte Gast dort auch angesichts der originalen bemalten Kacheldecke fühlen (Vorsicht: Auch hier herrscht Nippel Alarm, Fotos vom Besuch dort also besser nicht bei Facebook hochladen, denn gleich vier obenrum unbekleidete Damen tummeln sich auf der gekachelten Decke: Neben unseren Bekannten Schifffahrt und Handel sehen wir hier auch Industrie und Landwirtschaft). Im Gegensatz zu der nach dem Krieg sehr schlicht und vereinfacht wieder hergestellten Frontfassade ist die Rückseite, vor der wir stehen, durch und durch ein Kind ihrer ursprünglichen Entstehungszeit um 1906/1907. (4) Besonders prägnant sind die grotesken Masken über den Eingangsportalen. Sie sind irgendetwas zwischen dekorativ und verstörend – der Bauherr Robert Nietzsche, Inhaber einer Wurstfabrik, (5) scheint Geschmack am morbide-absurden Aspekt des Jugendstils gehabt zu haben und der Architekt Richard Jacobssen konnte seiner Kreativität offensichtlich freien Lauf lassen. Ein versteckter Schatz findet sich im Innern des Hauses – dort wurde das imposante Treppenhaus vermutlich in den 60er Jahren mit einem Mosaik von Gerhard Hausmann (1922 – 2015) (6) geschmückt.

Foto: Zabel, April 1985, Rathausstraße 4 Treppenhaus 1, Quelle: Bildarchiv Denkmalschutzamt Hamburg.

Dass die Hamburger einst gut darin waren, Gebäude nicht einfach abzureißen, sondern nach 1945 Lösungen für erfolgreiche modifizierende Neunutzungen fanden, lässt sich beispielhaft am Skandinavia-Haus erleben, das als Eckhaus in die andere Richtung der Schauenburgerstraße/Ecke Johannisstraße steht. Ursprünglich wurde es von den Architekten Stövhase und Hartjenstein für die Hamburger Privatbank von 1860 errichtet. Der Gegensatz zwischen damals und heute könnte kaum krasser sein: was heute glatt und weiß daherkommt war damals unverputzter Backstein mit einer expressionistisch detailreichen Fassade und einer überlebensgroßen Rolandsfigur von Ludwig Kunstmann, die im Volksmund als „Roland mit den hohen Zinnsfüßen“ bezeichnet wurde. Die Schalterhalle im inneren war mit kostbaren Materialien und aufwendigen „zackigen“ Formen gestaltet, wie historische Fotos zeigen. (7)


Fotos aus: Die Bauwelt 16, H 26 Kunstbeilage, S.1-4, Die Privatbank von 1860 in Hamburg, Architekten Stövhase und Hartjenstein, aus dem Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.


Foto: Tonindustrie-Zeitung 49, 1925, aus dem Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark beschädigt – aus ökonomischen Gründen entschied man sich dennoch, die vorhandene Bausubstanz zu nutzen. 1950/51 war die Instandsetzung im Auftrag der Skandinavia-Haus GmbH, einer Gruppe von Kaufleuten, die im Skandinavien Handel tätig waren, abgeschlossen. (8)


Foto: Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

 

(1) K 433, 13. Juni 2008, Archivmaterial aus dem Amt für Denkmalschutz.

(2) Ralf Lange: Das Hamburger Kontorhaus – Architektur, Geschichte, Denkmal. München 2015.
(4) Ralf Lange: Das Hamburger Kontorhaus – Architektur, Geschichte, Denkmal. München 2015.

(5) Ebd.

(7) Vgl. Hermann Hipp: Textbaustein „B 6 3 NO3“, Archivmaterial Amt für Denkmalschutz.
(8) Vgl. Ebd.

beteiligte: 

künstler: arne lösekann http://www.arneloesekann.de

text und recherche:  anne simone krüger http://annesimonekrueger.de


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