Ein Mahl, ein glorreiches Mahl, der weniger glorreiche Niedergang einer 60er Jahre Ikone und ein Bienenschwarm im Herzen der Stadt

Eine Temporäre Installation von Arne Lösekann www.arneloesekann.de

Text und Rrecherche von Anne Simone Krüger http://annesimonekrueger.de

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Die weiße Installation aus Tischen und den umgedrehten Stühlen erweckt den Eindruck, als sei hier ein Mahl gerade erst beendet worden, die Kellner haben nur noch eben die Stühle hochgestellt um einmal fix durchzuwischen... Damit befinden wir uns mitten im Thema, denn der Straßenname „Brodschrangen“ leitet sich tatsächlich vom Brot ab. Hier wurde früher das „Brod“ der Bäcker verkauft - die Verkäuferinnen saßen unter Schirmdächern, die an den Häusern angebracht waren. (1) Die erste Erwähnung des Brodschrangen findet sich im Stadt-Erbe-Buch 1248-1256. Einen „Fleischschrangen“ gab es übrigens ebenfalls – dieser wurde 1265 von der Stadt erworben, der Brodschrangen war ab 1273 öffentliches Eigentum. (2)


Foto: Hochtief Nachrichten, Mittelung der Hochtief Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten, 37. Jahrgang, Oktober 1964, aus dem Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

Heute wird der Brodschrangen rechter Hand vom weißen ehemaligen Stammsitz der Commerzbank von 1873 und dem Erweiterungsbau auf der linken Seite geprägt, die mit einer Brücke verbunden sind. Das dreizehngeschossige Verwaltungshochhaus ist als Kulturdenkmal gelistet. 1960-63 vom Architekten Godber Nissen gebaut, war es zu seiner Zeit der erste Bau in Hamburg, der umlaufende Galerien besaß, die mit Geländerstreben gesichert sind und sowohl als Arbeitsbühne für Reinigungszwecke - sprich für das Putzen der Fenster - wie auch als Fluchtwege dienten. (3) Die stilvolle Inneneinrichtung der 60er, für die Design-Junkies heute einiges an Geld liegen lassen würden, ist nur auf Fotos überliefert. Und die Verkleidung der Obergeschosse aus patiniertem Kupferblech wurde bei einer Modernisierung durch dunkeleloxierte Metallelemente (4) ersetzt und damit verschlimmbessert. Eigentlich verbindet dieser Erweiterungsbau architektonische und städtebauliche Ideale der Nachkriegszeit und „ist ein wichtiges Beispiel für das Leitbild der aufgelockerten Stadt“. Denn der historische Stadtgrundriss wurde hier nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges gravierend verändert.


Foto: Hochtief Nachrichten, Mittelung der Hochtief Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten, 37. Jahrgang, Oktober 1964, aus dem Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

 

Der alte Bau der Bank ist übrigens nicht denkmalgeschützt, da er durch zahlreiche Umbauten nur noch wenig mit dem Ursprungsgebäude gemein hat.  Aber Schutz hin oder her, abgerissen werden sie nach aktuellem Stand beide und das Katharinenviertel wird um historische Bausubstanz ärmer... (5)


Foto: Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

Bevor man den Platz zwischen den beiden Bank-Gebäuden überquert lohnt es sich, einen Abstecher in den Neß zu machen. An dessen Ende, dort wo er sich in die Trostbrücke und die Börsenbrücke teilt, sieht man schon von weitem eine beeindruckende Burg. Zumindest sieht das Gebäude aus wie eine rote Backsteinburg. Selbst die neuerdings dort ansässige Filiale der Burgerkette Peter Pane kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier einst Geschichte geschrieben wurde. Denn genau an dieser Stelle hatte das Hamburger Rathaus Nummer vier an der Trostbrücke gestanden. Es verschwand würdig im Sinne einer größeren Sache: Um den Großen Brand von 1842 zu stoppen griffen die Hanseaten zu etwas ungewöhnlicheren Maßnahmen und sprengten ihr Rathaus in die Luft um den Flammen Einhalt zu gebieten. (6) 1843 wurde der Platz der Patriotischen Gesellschaft übereignet, die sich 1765 gegründet hatte um den Geist der Aufklärung zu verbreiten und die Künste und nützlichen Gewerbe zu fördern. (7) Den Wettbewerb für das Gebäude gewann der Architekt Theodor Bülau, der den Patrioten eine regelrechte Trutzburg baute. Lange wurde sein Bau nicht akzeptiert, der arme Mann war seiner Zeit weit voraus. Heute, wo Klinkerfassaden en vogue sind, hätten die Bauherren und Architekten vermutlich ihre Freude an ihm. Damals jedoch war Backstein als Fassade repräsentativer Gebäude nicht vorgesehen und die Ziegeleien rund um Hamburg waren nicht darauf eingerichtet seinen Vorstellungen feiner Profile und Farbtöne des Steins nachzukommen. Zunehmend Ansehen gewann der Bau erst nach und nach, u.a. durch die Aufstockung mit vier weiteren gestaffelten Dachgeschossen durch die Architekten Klophaus, Schoch und zu Putlitz in den Jahren 1923 und 1924.  (8)


Patriotische Gesellschaft, Aufnahme vom 25. August 1921, Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

Das Symbol der Patriotischen Gesellschaft ist übrigens ein Bienenkorb, der von den emsigen Tierchen umschwirrt wird – es findet sich über dem zur Trostbrücke gelegenen Eingangsportal. Der lateinische Satz darunter „Emolumento publico“ bedeutet, einmal übersetzt für alle, deren letzte Lateinstunde schon eine Weile her ist „dem öffentlichen Nutzen“. Die beiden Sandsteinskulpturen links und rechts des Portals auf den Konsolen datieren auf das Jahr 1990. Beim Bau wurden die Konsolen wohl aus Geldmangel leer gelassen. (9) Heute stehen dort links „der Mensch“ und rechts „die Stadt“, beide gefertigt von Henning Hammond Norden. (10) Leider kommen sie noch nicht ganz zusammen, ein gemeinsamer Sockel, auf dem beide Platz finden, wäre - so ganz metaphorisch ins Allgemeine übertragen - eine feine Sache...

 

(1) Vgl. Archivmaterial des Amts für Denkmalschutz.

(2) Vgl. Karl Johann Wilhelm Wolters: Historisch-topographische Beschreibung des Kirchspieles St. Petri, Hamburg 1883, zitiert nach Archivmaterial des Amts für Denkmalschutz.

(3) Hermann Hipp: Textbaustein B 7 1 N117 – Brodschrangen 15, Archivmaterial des Amts für Denkmalschutz.

(4) Das Eloxal-Verfahren bietet die Möglichkeit zur kontrollierten Erzeugung einer Schutzschicht auf Aluminium. Die Schutzschicht wird dabei nicht aufgetragen – vielmehr wird die oberste Aluminiumschicht durch Oxidation mit einer dünnen Oxidschicht überzogen. Sie schützt das Aluminium vor Korrosion. (https://www.oberflaechenfinish.de/Eloxieren---Wozu-braucht-man-das---_84.aspx) (1.9.19)

(5) https://www.mopo.de/hamburg/skurriler-abriss-streit--raten-sie-mal--welches-haus-unter-denkmalschutz-steht------23733728 und  https://www.mopo.de/hamburg/commerzbank-zentrale-droht-der-abriss-und-wieder-stirbt-ein-stueck-stadt-geschichte-32122012 sowie https://www.denkmalverein.de/content/5-gefaehrdet/1-gefaehrdet/20190513-commerzbank-ensemble-am-nikolai-fleet/commerzbank-hochhaus-darf-abgerissen-werden-hamburg-aktuelle-news-aus-den-stadtteilen-hamburger-abendblatt.pdf (1.9.19)

(6) Vgl. Die Patriotische Gesellschaft, Hanse Art Nr.2, 05/05 1999.

(7) Vgl. https://www.patriotische-gesellschaft.de/de/ueber-uns/unsere-geschichte/

(8) Dirk Meyhöfer: Hamburg, der Architekturführer, Berlin 2007.

(9) Wo Politik und Kultur zuhause sind. In: Hamburger Abendblatt, 18.10.93.

(10) Die gemeinnützig-patriotischen Nachrichten der Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe, Jahrgang 1, Heft 4, Mai/Juni 1990, S.3


beteiligte: 

künstler: arne lösekann http://www.arneloesekann.de

text und recherche:  anne simone krüger http://annesimonekrueger.de

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