Vier Anläufe für ein Rathaus, ungeahnte Kunstschätze und jede Menge Austern

Eine Temporäre Installation von Arne Lösekann www.arneloesekann.de

Text und Rrecherche von Anne Simone Krüger http://annesimonekrueger.de

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im zuge "Altstadt_neudenken" http://altstadtneudenken.de

Aller guten Dinge sind nicht drei, nicht vier, sondern fünf – zumindest in Sachen Hamburger Rathaus. In der kleinen Johannisstraße an der Ecke zum Dornbusch (heute Dornbusch 2) stand einst das Eimbecksche Haus, das dritte Rathaus der Hamburger. Kurz nachdem Adolph IV. von Schauenburg den dänischen König 1227 in der Schlacht bei Bornhöved besiegt hatte und Hamburg, nach einem dänischen Intermezzo von etwa zwei Jahrzehnten, wieder unter der Herrschaft der Grafen von Schauenburg stand, baute man es genau hier am Berührungspunkt zwischen der ehemaligen Altstadt und der Neustadt.


Foto: Eduard Meyer: Das Eimbecksche Haus in Hamburg, Hamburg 1868, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN670034223

Aus den alten Hamburger Stadtrechnungen ist zu entnehmen, dass der Ratsweinkeller des Rathauses das Vorrecht hatte das berühmte Eimbecker Bier auszuschenken, weshalb das dritte Rathaus auch Eimbecksches Haus genannt wurde. Rathaus Nummer vier wurde 1290 am Neß erbaut, an der Schnittstelle der sogenannten Kirchspiele (Pfarrbezirke) St. Petri, St. Nikolai und St. Katharinen. Bis zum Großen Brand 1842, also rund 550 Jahre lang, diente es genau dort, wo sich heute die Patriotische Gesellschaft befindet, als Rathaus (mehr Informationen dazu gibt es an der Installation am Brodschrangen). (1)

Doch bevor es vorwärts geht, geht es zunächst noch einmal seitwärts. Ein Stück weiter hinein in den Dornbusch, dort wo die Straße eine Biegung macht, steht im Schatten des Baumes eine Skulptur, die auf faszinierende Weise den Leerraum als Gestaltungselement einsetzt und trotz ihrer bronzenen Wucht eine erstaunliche Leichtigkeit aufweist.


Fotos: Anne Simone Krüger

Würde das Segelmotiv nicht hier, sondern im White Cube eines Museums stehen, würden wir es wohl mit ganz anderen Augen betrachten. Zumal wenn es in unmittelbarer Nachbarschaft der wohl bekanntesten Plastik des Bildhauers Rudolf Belling (1886 – 1972) stünde: dem Kopf in Messing von 1925. Mit diesem porträtierte er seine Frau, die Tänzerin Toni Freedan. Belling, der als einer der wichtigsten deutschen Bildhauer der klassischen Moderne gilt, (2) war als Künstler nicht leicht zu fassen: „leichtfüßig pendelte er zwischen Expressionismus, Futurismus, traditioneller figürlicher Bildhauerei und schuf sogar eine Kollektion von Schaufensterpuppen“. (3) Das erklärt auch, warum die Bronze ein so unbeachtetes Dasein fristet, von den Touristenströmen links liegen gelassen wird und selbst kunstbeflissene Hamburger diesen Schatz in der Regel nicht auf dem Zettel haben....


Foto: Rudolf Belling, Kopf in Messing (Portrait Toni Freedan), 1925 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Staatsgalerie Stuttgart, Leihgabe des Instituts für Auslandsbeziehungen seit 1998. (4)


Foto: Udo Pini: Zu Gast im Alten Hamburg. Erinnerungen an Hotels, Gaststätten, Ausflugslokale, Ballhäuser, Kneipen, Cafés und Varietés, München 1987, S.102.

Wesentlich mehr Aufmerksamkeit kommt dagegen der ehemaligen Austernhandlung von Johann Cölln im Souterrain des Eckhauses Dornbusch und Brodschrangen zu. Zum einen liegt dies sicherlich daran, dass man dort bis heute Austern serviert bekommt (ja, sie stehen auf der Karte der aktuell dort beheimateten Mutterland Filiale, Künstler und Autorin haben dies selbstverständlich gewissenhaft überprüft). Zum anderen ziehen die gemusterten Kacheln alle Blicke auf sich. Seit 1760 existierte an genau dieser Ecke eine Fisch- und Austernhandlung. Johann Cölln, dessen Name bis heute über dem Eingang zu lesen ist, übernahm die Handlung 1833, nachdem er in die Austern-Dynastie einheiratete. Angeblich aßen Naschkatzen die Austern vor seiner Tür im Stehen und ließen die Muschelschalen haufenweise auf dem Gehweg liegen. Als diese frühe Form von „Take-Away-Müll“ polizeilich verboten wurde hängte der Hausherr, zum Trotz gegen die Einschränkung dieser Form von ungewöhnlicher Werbemaßnahme, ein Gemälde des gewinnbringenden Schalenhaufens draußen an die Wand. Cölln vermachte seinen Namen und sein Geschäft schließlich der Familie Brumm, die es in der Gründerzeit so gewinnbringend erweiterte „dass sich von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg eigene Fischrechte (für Stör und Kaviar also) in Astrachan lohnten – und eigene Güterwagen für den Kaviar-Transport nach Hamburg und Berlin“. (5) Ende des Jahrhunderts hatten die Brumms ein derartiges Vermögen gemacht, dass sie es sich leisten konnten 10.000 Jugendstilkacheln in Souterrain und Hochparterre anbringen zu lassen – denn zu den besten Zeiten war angeblich jede zweite geöffnete Auster von Cölln importiert. (6) Insofern: Bon Appetit!

Foto 6 Cölln innen historisch.
Foto: Staatliche Landesbildstelle Hamburg.

(1) Vgl.: Das ehemalige Eimbecksche Haus und Herman Hipp: Innenstadt – Karteibaustein B 1 4 0 04, Dornbusch 2 – Eimbecksches Haus, Archivmaterial Amt für Denkmalschutz, Hamburg.
(3) Staatsgalerie Stuttgart: Rudolf Belling (1886-1972), Kopf in Messing (Portrait Toni Freedan), 1925, https://www.staatsgalerie.de/g/sammlung/sammlung-digital/einzelansicht/sgs/werk/einzelansicht/3AC0F10449F23BC11089FDBD748C7797.html (1.9.19)

(5) Udo Pini: Zu Gast im Alten Hamburg. Erinnerungen an Hotels, Gaststätten, Ausflugslokale, Ballhäuser, Kneipen, Cafés und Varietés, München 1987, S.103.

(6) Vgl. Ebd, S.102f.

beteiligte: 

künstler: arne lösekann http://www.arneloesekann.de

text und recherche:  anne simone krüger http://annesimonekrueger.de

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