Trockene Füße, ein Windhund und eine Kirche ohne Schiff

 

Eine Temporäre Installation von Arne Lösekann www.arneloesekann.de

Text und Rrecherche von Anne Simone Krüger http://annesimonekrueger.de

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Foto: Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

Sie werden betreten, überquert und selten in ihrer tragenden Funktion gebührend wertgeschätzt. Dabei waren sie in vergangenen Jahrhunderten die wesentlichen verbindenden ökonomischen Elemente: 2.500 Stück gibt es davon in Hamburg und damit mehr, als in jeder anderen europäischen Großstadt. (1) Die Rede ist von Brücken. Auf einer der ältesten urkundlich bezeugten Brücken Hamburgs befinden wir uns genau hier. Die Zollenbrücke verband die erste Kaufmannsstadt mit der Insel Grimm und dem Katharinenkirchspiel, also dem Pfarrbezirk der Katharinenkirche. Bereits seit dem 13. Jahrhundert war an dieser Stelle eine hölzerne Brückenkonstruktion unter der Bezeichnung „Brücke bei der Waage“ bzw. „Kranbrücke“ bekannt, 1533 taucht erstmalig die Nennung als „Zollenbrücke“ auf. (2) Der Name leitet sich – naheliegend – von der Zollstation des Grafen von Schauenburg ab, die sich hier befand. Der heutige Sandsteinquaderbau löste die Holzkonstruktion im Jahr 1633 ab. Trotz häufiger Reparaturen und Kriegszerstörungen nutzen wir noch heute exakt diesen Bau. Beeindruckend die Vorstellung, dass vor hunderten von Jahren Damen in langen Röcken und Männer in Wams und mit Barett auf dem Kopf über genau die gleiche Brücke gegangen sind. Bis 1946 war die Brücke auch tatsächlich eine richtige Brücke, mit Wasser und allem was dazu gehört. Das kurz darauf zugeschüttete Gröningerstraßenfleet ging damals in das Nikolaifleet über und die Zollenbrücke war ordentlich gewässert. (3) Ob sie sich in ihrer aktuellen Trockenphase voll Nostalgie an diese Zeiten nasser Füße erinnert?


Foto: Bildarchiv des Denkmalschutzamt Hamburg.

Immerhin kann sie bis heute mit äußerst schicken Geländern ein bisschen etwas des ehemaligen Glanzes wahren. Das klassizistische Gußeisengeländer stammt von der Graskellerbrücke. 1835 wurde es nach Entwürfen von Otto Sigismund Runge gegossen und 1955 hier eingebaut. (4)


Foto: Zollenbrücke nach der Instandsetzung 1955 ©Staatliche Landesbildstelle Hamburg, Negativ Nr.6099.


Foto: Zollenbrücke Oktober 1946 ©Staatliche Landesbildstelle Hamburg, Negativ Nr.1753.

Zu Füßen der Brücke ist noch heute eine alte Anlegestelle zu sehen, deren Nutzung mit dem schwindenden Wasser unmöglich geworden ist. Lenken wir uns von dieser traurigen Tatsache schnell ab und werfen den Blick über das Fleet Richtung Westen. Wer entdeckt als erster den Pudel auf dem Dach des märchenhaften Gebäudes auf der anderen Seite? Faustisch bis rätselhaft präsentiert sich seine Anwesenheit, Autorin und Künstler freuen sich über Hinweise, was des Pudels Kern bzw. seine Funktion dort oben ist. Freudig entgegengenommen werden auch steile Hypothesen... Spaß scheint er allemal zu haben und die Frisur sitzt selbst bei Sturm. Fast möchte man meinen er führt die Idee des Windhundes ad absurdum...

Direkt hinter dem Pudel-bekrönten Giebel erhebt sich der luftig durchbrochene und mit filigranem Maßwerk ausgestatte Turm von St. Nikolai. Schon 1195 wurde eine kleine Kapelle errichtet, die dem Heiligen Nikolaus gewidmet war. Eine gute Wahl, denn der Bischof von Myra soll als Handel treibender Seefahrer viele Menschen aus Seenot gerettet und den Armen durch großzügige Gaben geholfen haben. Heute würde man ihn vermutlich als „Role-Modell“ bezeichnen, damals erkoren ihn sich die Kaufleute und Seefahrer als Schutzheiligen aus. Daraus erklärt sich auch die Tatsache, dass etliche Kirchen in Norddeutschland dem Heiligen Nikolaus geweiht wurden.(5)

Die Hamburger Nikolaikirche wurde mehrfach erweitert und umgebaut, den großen Brand von 1842 überlebte sie verhältnismäßig gut. Selbst den Bomben des Zweiten Weltkrieges bot zumindest der Turm Paroli und auch die Mauern des Chores hielten stand. Ein Wiederaufbau scheiterte allerdings an der finanziellen Last, die man nicht stemmen zu können glaubte. Den Garaus machte den erhaltenen Gebäudeteilen dann die Stadt selbst. 1951 wurde damit begonnen, Mauerreste zu sprengen, „in vielen Anläufen wurden der eigentlich gut erhaltene Chor bis zum Hauptgesims sowie die Querschiff- und Langhausmauern bis zur Fenstersohlbank abgerissen“(6). Echtes Interesse an der Kirche bestand nicht mehr, Proteste blieben weitgehend aus und die Kirche wurde aufgegeben. Heute dienen der Turm und Teile der Ruine als Gedenkstätte. Geschichte ist manchmal eine seltsame Sache...


(2) Vgl. Archivmaterial des Amts für Denkmalschutz.

(3) Vgl. ebd.

(4) Vgl. ebd.

 

(6) https://www.mahnmal-st-nikolai.de/?page_id=344


beteiligte: 

künstler: arne lösekann http://www.arneloesekann.de

text und recherche:  anne simone krüger http://annesimonekrueger.de

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