[ er|be ] GREIFEN

Eine Aufwärtsspirale aus acht schwarzen Heugreifern empfängt die Besucher*innen im Foyer des Neubaus des Freilichtmuseums Molfsee. Von der Decke hängend, senken sie sich zu uns herab, manche leer, andere mit Monitoren „gefüllt“. Die für die Installation konzipierten Videoloops, die auf den fünf Displays laufen, zeigen die Hände des Künstlers, welche historische Figuren sortieren. Die Filme nehmen uns mit auf eine Reise in die eigene Identität. Wer sind wir? Und was macht uns aus – damals wie heute? Welche Erzählungen/Geschichten prägen uns? Unser kulturelles Erbe hält mögliche Antworten bereit, es ist ein Spiegel von Werten und Normen, die unsere Sozialisation bilden. Es ist Teil unserer Identität. Doch wer bestimmt, was zum kulturellen Erbe gehört? Wer legt fest, was gesammelt werden soll? Und wieviel davon? Die Installation des Künstlers Arne Lösekann greift die Problematik und Relevanz dieser Fragen auf. Denn Fakt ist: wir haben gar keine andere Wahl, „jedes Erbe muss angetreten werden“[1] – und das ist im Hinblick auf das kulturelle Erbe von elementarer Bedeutung.

Was müssen wir festhalten, um dieses kulturelle Erbe zu begreifen und für uns fruchtbar zu machen? Im besten Falle davon ergriffen zu werden? Über die Jahrhunderte hinweg werden einzelne Objekte immer wieder aus einer Epoche in die nächste „umgesetzt“. Die Heugreifer nehmen dieses Bild auf und verleihen ihm Gestalt. Ihre spiralförmige Anordnung lässt das Verwirbeln von Raum und Zeit materialisieren. Abstraktes Denken erhält so konkrete Form. Das Objekt des Greifers ist nicht nur hinsichtlich seiner Symbolik interessant. Auch formal fügt es sich in die Idee des Weiterreichens über die Zeit hinweg ein, denn die Heugreifer haben sich zwar geringfügig verändert, sind im Kern jedoch stets gleichgeblieben. Und alle stammen sie aus dem norddeutschen Raum. So sind sie auch Ausdruck von kultureller Identität. Gleichzeitig können sie synonym dafür gelesen werden, den Ertrag des kulturellen Nährbodens aufzugreifen. Das Wissen, wie er am gewinnbringendsten zu bearbeiten ist, wurde über Jahrhunderte weitergereicht, es schlägt sich noch heute nicht zuletzt in Traditionen und Bräuchen nieder. Auch diese gehören zu unserem kulturellen Erbe. So definiert die UNESCO Kultur als „umfassend“. Sie schließe auch Kulturformen des Alltags mit ein und stehe mit der Natur in vielfacher Wechselwirkung, bzw. sei von ihr häufig nicht zu trennen.

Welche Objekte müssen wir sammeln, um dieses Wissen zu bewahren? Wer wählt sie aus? Und was geschieht mit all dem, was nicht gesammelt wurde? Ist es unwiederbringlich verloren? Werden nur die „Highlights“ der Geschichte von den Greifern, ähnlich wie bei den Greifer-Automaten auf dem Jahrmarkt, willkürlich oder unwillkürlich in die Höhe gezogen? Nicht jeder Versuch ist dabei ein Treffer, manche der Greifer haben ins Leere gegriffen oder aber Ihre Beute unterwegs verloren. Diejenigen dagegen, die ein Display halten, liefern Schlüssel zur Geschichte. Über das Zusammenfügen von alt und neu, von historischen Greifern und modernen Technik, wird die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart hergestellt. Die Video-Loops zeigen Margarine-Sammel-Figuren, die sortiert, aufgestellt und vom Bildschirm entfernt werden. Immer wieder aufs Neue werden sie auf Ihre Relevanz geprüft. Denn beim kulturellen Erbe handelt es sich keinesfalls um einmal gesammelte und auf alle Ewigkeit zu bewundernde Objekte. Vielmehr müssen die Objekte immer wieder neu auf ihre Bedeutung geprüft und neu interpretiert werden. Denn unsere Beziehung zu ihnen und ihre Bedeutung für uns müssen mit dem Fortschreiten der Zeit stetig rekontextualisiert werden.

Die spiralförmige Installation eröffnet den Besucher*innen damit bereits beim Betreten des Museums ein vielfältiges Spektrum an Denkansätzen. Vor allem aber erinnert sie uns daran, dass wir niemals vergessen dürfen, Fragen zu stellen, kritisch zurückzublicken um dadurch reflektierter nach vorn zu schauen.

Text: Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin

[1] Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Arnim Regenbogen und Uwe Meyer, Hamburg 2013.

 

5 Filme die auf den Monitoren als Video_Loop laufen

 

 

 

 

 


Foto: Stephan Baumann, https://bild-raum.com

 

[ hase tod ]

hase tod ...... kunst tod ...... kultur tod ..... empathie tod ....

ab 25.02.2021 20:00 im klub.k im steckelhörn 12 in hamburg

und in der weiteren Planung für weitere verwaiste Kulturorte

 

Erstaufgeführt vom 17.12.2020 bis 06.01.2021 in der Galerie LaDøns


Eröffnet wurde die Ausstellung [ hase tod ] mit einer 30-minütigen Performance, die durch das Schaufenster der Galerie betrachtet werden konnte. Dabei stellte Arne Lösekann – hinter der Glasscheibe stehend - die Gebärden für hase _ tod _ kunst _ tod _ kultur _ tod _ empathie _ tod fortlaufend dar.


Im weiteren Verlauf der Austellung kann nun eine Aufnahme dieser Performance als fast lebensgroßes Video Tag und Nacht durch das Fenster betrachtet werden. Ergänzt wird diese durch eine Zeichnung auf der historischen Kachelwand des Raumes. Die dort im Stil eines “Tags“ (Graffiti) dargestellten drei Hasen verweisen durch ihre Machart und die Verlagerung von der Strasse hinein in den Galerieraum darauf, dass die Bewertung von etwas als Kunst und die damit einhergehende Wertschätzung abhängig ist von Ort, Kontext und den Bewertenden. Diese Werturteile unterliegen zeitlichen und vor allem sehgewohnheitlichen Veränderungen.

Außerdem verweist die Zeichnung der Hasen, denen eine jahrhundertealte Symbolbedeutung in vielen Religionen zuzuordnen ist, auf Höhlenmalereien als erste Kulturbilder der Menschheit und auf die Bedeutung von Kunst für unsere Kultur, die schon weiter in die Geschichte zurückreicht als die von uns aktuell gelebte Demokratie.


Neben den bereits erwähnten Verweisen, stellt die Arbeit durch Inhalt und Titel eine Verbindung zu der Performance von Joseph Beuys “Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt” her. Hierbei geht es dem Künstler weniger um den “erweiterten Kunstbegriff” als explizit um das Ritual des Kunst-Erklärens, der Vermittlung einer in sich komplexen Sprache und um die Aufforderung des Gehört-Werdens gegenüber Politik und Gesellschaft. Man möge sie unterstützen und nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen.


In der Performance bedient der Künstler sich der Gebärdensprache als Verweis auf die Trennung von Kunstschaffenden und RezipientInnen. Die örtliche Trennung beider durch die Schaufensterscheibe und das „Sich-nicht-Verstehen“ aufgrund der unterschiedlichen Sprachsysteme führt zu einer Entfremdung, die umso mehr durch die Schließungen der Kulturorte aufgrund der Pandemie forciert wird.

vom 17.12.2020 bis 06.01.2021 in der galerie LaDøns

instagram der galerie LaDøns